| Der kontrollierte Müßiggang |
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Kostas Souvlis kann es einfach nicht lassen. Wann immer esmöglich ist, geht er zum Strand – zu seinem Strand; dem Dorfstrand vonIreon. Selbst jetzt, im Winter. Während der Saison ist er hier der wichtigste Mann. Er verleiht die Strandliegen und Sonnenschirme, die er jeden Morgen exakt in Postion bringt. Kostas hält sein Areal in Ordnung und hat für jede und jeden ein freundliches Nicken. Und selbst für den struppigsten Streuner hat er, neben den gebührenden Streicheleinheiten, immer etwas in seiner Hosentasche. Nun ist es fast Winter. Mit den Touristen sind auch die Streuner verschwunden. Nur Kostas sitzt einsam auf seinem etwas erhöhten Stammplatz und sieht den dunklen Wolken nach, die über das graue Meer ziehen. Die Plastikliegen und Schirme hat er längst in einem wettersicheren Schuppen verstaut. Wenn die Sonne für eine längere Zeit aus den Wolken lugt, wird es schnell warm. Dann fallen Kostas schon mal die Augen zu, und im Traum hört er den angenehmen Lärm der Badegäste – seiner Gäste. Dann kommt wieder eine Regenwolke und schwere Tropfen reißen ihn aus seinen sommerlichen Träumen. Die Ferienwelt von Ireon ist geschlossen. Hotels, Restaurants, Cafes und Bars sind fest verrammelt und die blauen Pools frieren nackt und leer unter dem grauen Himmel. Die gesamte Küstenregion der Insel ist in eine lethargische Winterstarre gefallen. Viele der im Tourismusgeschäft tätigen Samioten machen längst Urlaub in wärmeren Gefilden der Welt oder vergnügen sich in der Megapole Athen. Die ausländischen Saisonarbeiter überwintern derweil bei ihren Familien in Albanien oder Rumänien. Für die Zurückgebliebenen beginnt die angenehme Zeit des kontrollierten Müßiggangs, des tagesübergreifenden Mittagsschafes im geheizten Kafenion oder auf dem häuslichen Sofa, während im stummen Fernseher Journalisten mit Politikern lautlos aufgeregt diskutieren...
Aber nicht überall auf der Insel hat sich der Pulsschlag verlangsamt. In Pythagorion wird gearbeitet. Ein Schwimmbagger bemüht sich lärmend das Hafenbecken zu vertiefen, während ein Gruppe von Männern in dicken Jacken das mühsame Unterfangen beobachtet. Die Hände sind tief in den Hosentaschen vergraben und werden nur herausbemüht, wenn die Glut der Kippe die Lippe bedroht. Geredet wird nur das Nötigste; der Bagger ist viel zu laut. Über das ehrgeizige Projekt der Gemeinde Pythagorion kann die Gruppe nur spekulieren. Das Hafenbecken wird vertieft, damit große Kreuzfahrtschiffe direkt einlaufen können. Da die Zahl der Pauschal- und Charter-Touristen rückläufig ist, versuchen die Verantwortlichen der Gemeinde neue Zielgruppen zu erschließen. Warum sollten die lukrativen Kreuzfahrttouristen nur die benachbarten Hafenstädte der Türkei beglücken? Wieder kommt etwas Sonne aus den Wolken, und Kostas legt genüsslich seinen Kopf in den Nacken und schließt die Augen – zum kontrollierten Müßiggang.
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